FORTYONE

Der Kern des Spiels

Auch wenn er kein Basketballprofi geworden ist, haben das Spiel und seine Coaches den Non-Profit-Manager Constantin Kern nachhaltig geprägt. Heute arbeitet er selbst als Jugendtrainer. Und noch viel mehr: Cons hat FORTYONE von seinem Weg vom Spieler zum Mentor erzählt.

Basketball ist immer meine große Motivationsquelle gewesen. In der 7. Klasse bin ich deshalb auf das Internat mit Fokus auf Basketball in Wiesentheid in der Nähe von Würzburg gewechselt, wo man entsprechend gefördert wurde, wenn man den Ehrgeiz dazu entwickelte. Die deutschen Spieler in der NBA habe ich damals schon verfolgt, das war damals die große Zeit von Detlef Schrempf. Mein erster richtiger Trainer war Klaus Pernecker, der auch mit dem jungen Dirk Nowitzki arbeitete und sein Coach in der 2. Liga war. Klaus war Lehrer in Wiesentheid. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, wir hatten gleich eine Connection. Er war sehr offen, hat viel erzählt, auch von Dirk, seiner sportlichen Vielseitigkeit und seinem Talent, was mich als 13jährigen wahnsinnig motiviert und gepusht hat. Ungefähr zu dieser Zeit habe ich Dirk das erste Mal spielen sehen.

Meine Mutter war alleinerziehend und berufstätig, und ich bin vom Internat aus jedes Wochenende nach Bamberg gefahren. Ich hatte also zwei Basketball-Communities. Meine Mutter war früher eine recht erfolgreiche Rasenhockeyspielerin, und Sport hatte auch für sie einen hohen Stellenwert. Sie hat mich immer unterstützt, kein Weg war ihr zu weit. Obwohl das für sie bestimmt nicht immer leicht war. Mein Vater wollte nach seiner Promotion nach Tansania zurück, und meine Mutter wollte ihn nicht begleiten. Auch wegen der besseren Bildungschancen für mich.

Ich bin Jahrgang 1985, ich habe erst beim TTL Bamberg, dann beim DJK Don Bosco Bamberg und später eben beim TSV Wiesentheid gespielt. Da habe ich dann vor allem die Würzburger Spieler intensiver verfolgt. Man hat schon gesehen, wo da die Talente waren.

»Mir war klar, dass ich beruflich etwas mit Basketball machen wollte.«

Was mein eigenes Spiel anging, konnte ich irgendwann nicht mehr mithalten. Ein paar Verletzungen haben mich ziemlich rausgerissen, mein Bezug zum Basketball ist etwas lockerer geworden. Ich hatte mich immer als Spieler verstanden, und auf einmal wusste ich nicht mehr so richtig, wo mein Platz sein könnte. Ich habe dann in Bayreuth Sportökonomie studiert. Die Stadt war damals im Begriff, ebenfalls wieder eine Basketballstadt zu werden. Die Uni-Mannschaft ging total ab und hat internationale Turniere gespielt. Auch wenn ich nicht mehr aktiv war, war ich dennoch Teil der Basketball-Community. Ich habe Spiele gesehen und mit Freunden über Basketball diskutiert. Dirks Werdegang hatte ich die ganze Zeit im Blick, trotz des damals noch beschränkten Zugangs zu Live-Berichterstattungen. Aber irgendwann musste man Dirks Karriere ja auch gar nicht mehr verfolgen: Sie kam auf einen zu.

Mir war immer klar, dass ich beruflich etwas mit Sport, mit Basketball machen wollte. Die Sportart hat mir sehr geholfen, ich will etwas zurückgeben. Die Schule hat mich nie so gepackt und meine Schullaufbahn war nicht ganz unproblematisch. Wenn meine Mutter nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich kein Abitur gemacht und nicht studiert. Sport hingegen hat mich immer aufgefangen und mir Motivation gegeben. Damit meine ich nicht, dass meine Kindheit und Jugend sehr schwierig gewesen wären. Ich war ein grundsportlicher Typ, vor allem Basketball hat mir Spaß gemacht. Und das wurde auch von anderen erkannt und gewürdigt. Der Sport hat mir Kraft und die positive Energie gegeben, auch die anderen, weniger einfachen Bereiche meines Lebens zu meistern.

Nach dem Bachelor habe ich in Berlin für eine Messeagentur gearbeitet. Basketball habe ich dann für ein paar Jahre tatsächlich etwas aus den Augen verloren. Dann aber habe ich irgendwann gemerkt, dass mir Projektmanagement alleine zu wenig war. Ich habe angefangen, mich für die Arbeit von Stiftungen zu interessieren. Ich habe dann noch einen Master in Non-Profit-Management gemacht. Ich konnte mir dabei Stiftungen genauer ansehen, insbesondere was Strukturen und Abläufe anbelangt. Darüber hatte ich den ersten Kontakt mit der Dirk Nowitzki-Stiftung. Generell habe ich immer versucht, meine Studieninhalte mit meiner Leidenschaft für Basketball zu verknüpfen: Aufbau von Stiftungen – was hieße das in Bezug auf Basketball? Viele wichtige Profisportler rufen eine Stiftung ins Leben. Mich interessierte immer, warum und wie die das machen.

In meinem Bürojob in der Agentur fehlte es mir, mit Menschen zu arbeiten, die in jener Lebensphase stecken, in der Basketball mich selbst so geprägt hat. Ich habe mich umgeguckt und gesehen, dass ALBA Berlin Trainerstellen ausgeschrieben hatte. Nach längerer Zeit fern des Basketballs habe ich mich ins Blaue hinein beworben, und tatsächlich hat es dann geklappt. Im Nachhinein kommt mir das selbst komisch vor, weil es so naheliegend war. Auf den Gedanken, als Trainer zu arbeiten, war ich vorher gar nicht gekommen, so sehr war ich auf die Spielerperspektive fokussiert gewesen.

Ich bin jetzt seit einer Saison Trainer und genieße es sehr, wieder mehr mit Basketball zu tun zu haben. Bei ALBA hat man jede Möglichkeit, seinen Interessen zu folgen und sich weiterzubilden, was wirklich extrem cool ist. Zum Beispiel ist mir im Laufe der Zeit der Teamgedanke immer wichtiger geworden. Es wird so viel auf individuelle Entwicklung gepocht, und dabei wird manchmal aus den Augen verloren, wie wichtig das Team ist und wie viel so eine Gruppe erreichen kann, wenn die Spieler nicht als Einzelkämpfer unterwegs sind. Meine Freundin ist keine Basketballerin, auch wenn sie in den letzten Jahren einiges an Know-How entwickelt hat. Sie studiert Bildungsforschung und interessiert sich sehr für pädagogische Konzepte und Potenzialentfaltung. Irgendwann hat sie die auf der Webseite der Dirk Nowitzki-Stiftung ausgeschriebene Team-Mentoren-Ausbildung entdeckt und mich darauf aufmerksam gemacht. Gerald Hüther ist daran beteiligt, und er ist ja eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Mich hat das angesprochen, weil es eben ein Programm der Dirk Nowitzki-Stiftung ist, und ich mich Dirk immer verbunden gefühlt habe.

Ich habe mich dann für das Ausbildungsprogramm beworben, und schon das Ausfüllen des Bewerbungsbogens war eine coole Erfahrung. Denn es ging dabei nicht um Selbstdarstellung, Auftrumpfen und möglichst viele Papiere, sondern darum, die Bedeutung zu formulieren, die der Begriff »Team« für mich hat. Es ging um die persönliche Ebene und darum, was ich mir von der Ausbildung erhoffe.

Offenheit für Verschiedenheit

Die Teilnehmer der Veranstaltung waren dann untereinander auch gar nicht distanziert, sondern nah und authentisch. Alle waren offen, locker, jederzeit ansprechbar und trotzdem ernsthaft. Diese Haltung ist mir sehr sympathisch und verkörpert für mich den Geist der Stiftung. Im Grunde auch den Geist Dirks: Ein absoluter Star zu sein, aber nicht so zu wirken, ist eine Kunst, und gerade Dirk bekommt das extrem gut hin. Dirks Lockerheit nimmt einem sozusagen die Angst, und das ist bei der Arbeit mit Jugendlichen, die dann manchmal doch Schiss und Versagensängste haben, wahnsinnig wichtig.

Für den Team-Mentoren-Workshop haben sich Leute mit unterschiedlichsten Hintergründen beworben: Mentalcoaches, Handball- und Basketballtrainer, Leute aus der Jugendarbeit, eine breite Palette. 21 komplett verschiedene Menschen. Das fand ich total cool: Diese Offenheit für Verschiedenheit und dass auch Silke Mayer und die anderen Stiftungsmitarbeiter selbst teilgenommen haben.

Während des Wochenendes mit Gerald Hüther ging es dann für uns alle darum, unsere eigenen Anliegen zu finden. Und dann gemeinsam dazu Ideen zu entwickeln. Wir Teilnehmer haben das Wochenende gemeinsam gestaltet, es gab keinen festgesetzten Ablauf. Wir haben eine gemeinsame Idee identifiziert und dann daran gearbeitet. Ein Beispiel für diese Arbeitsweise war das eines Amateur-Rennradteams in den USA, welches das gemeinsame Ziel entwickelt hat, ein echtes Team zu werden. Ein Team, in dem jeder seinen Platz hat. Wenn in einem Team alle am gleichen Strang ziehen und ein gemeinsames Anliegen teilen, kann das eine große Energie freisetzen. Sie haben dann tatsächlich und völlig unerwartet das Rennen gewonnen – gegen Profiteams. Und so war es auch zwischen den Teilnehmern des Workshops: Uns allen gemeinsam war der Wunsch, die Idee des Teams zu pushen. Und gemeinsam mit anderen etwas zu entwickeln. Jeder von uns kommt mit einer Idee, und dann versuchen wir, diese Idee mit der Hilfe der anderen peu à peu umzusetzen.

Mein Projekt ist die Entwicklung eines Kindertrainerteams, das selbstbestimmt eine Sportstunde für Mitschüler konzipiert, plant und durchführt. Ich möchte die Idee erst einmal an einer Schule in Neukölln umsetzen. Und dann die bestehenden Teams mit ihrem selbst konzipierten Unterricht auch als Beispiel an andere Schulen bringen, sodass sich dort neue Teams formen. Mein größter Wunsch wäre es, dieses Modell als Selbstläufer zu etablieren. Dass die Teams aus eigenem Antrieb weitermachen, auch ohne ständige Moderation. Den Kindern möchte ich dabei so viel Freiheit geben wie möglich. Darin liegt der Unterschied zwischen einem Trainer und einem Mentor: Ich bin der, der unterstützt, aber fast keine einschränkenden Anweisungen gibt. Da eine gute Balance zu finden, ist die Herausforderung.

»Ich bin der, der unterstützt, aber fast keine einschränkenden Anweisungen gibt.«

Ich möchte gerne Aspekte ins Training einbringen, die auf den ersten Blick untypisch oder sogar merkwürdig erscheinen, Musik zum Beispiel. Die ist nämlich meine zweite große Leidenschaft: Seit 2005 rappe ich bei »Bambägga«, zusammen mit einem DJ und meinem besten Freund. Wir haben schon fünf Alben rausgebracht. Mein Freund arbeitet ebenfalls mit Jugendlichen, er gibt zum Beispiel Rap-Workshops im Jugendknast. Für mich gehört das alles schon seit Kindertagen zusammen: Basketball, Rap, HipHop. Mit diesem Ansatz, dieser Offenheit für Neues schließt sich ein weiterer Kreis zu Dirk und seinem Mentor Holger Geschwindner, der ja für seine ungewöhnlichen Methoden bekannt ist und vor allem die Parallelen und Verbindungen zwischen Jazz und Basketball nutzt.

Gerald Hüthers Konzept der Potenzialentfaltung passt auch dazu. Jeder trägt ein Potenzial in sich, das er zur Entfaltung bringen kann. Wenn man dieses Potenzial entdeckt hat, gilt es, andere zu finden, die dieses Interesse teilen. Es geht dabei um intrinsische Motivation. Darum, aus sich selbst heraus Sachen zu tun, die man wirklich tun will. Das ist ein ständiger Prozess. Hüther meint, dass der tägliche Gedanke an das eigene Projekt – und sei es nur für zwei, drei Minuten – schon dazu führt, dass man dem eigenen Wollen näherkommt. Und somit besser ist in dem, was man tut. Wenn es einem gelingt, aus der freien Wahl der eigenen Idee, des eigenen Anliegens heraus seinen Job zu finden und zu formen, läuft es viel besser. Weil man den Job dann vor allem für sich selbst macht, nicht aus extrinsischen Gründen: Geld, Anerkennung, Ruhm und so weiter.

Was das konkret heißt, habe ich in meinem Job als von ALBA gesandter Trainer an einer Schule in Neukölln gemerkt. Ich habe den Schülern eine Fläche geboten und ihnen gezeigt, dass man hier etwas machen kann. Ich konnte mir selbst überlegen, wie ich die 90 Minuten Trainingszeit frei gestalte. Wenn man Kindern einen Rahmen gibt, innerhalb dessen sie selbst Ideen entwickeln können, dann wird erst mal ein Training dabei herauskommen, das einer herkömmlichen Schul- oder Trainingsstunde gleicht. Die Kinder können erst einmal gar nicht so kreativ sein, weil ihnen sonst oft viel vorgesetzt und vorgegeben wird. »Ihr habt diese 90 Minuten. Macht einfach mal das, was Ihr Euch vorstellt.« Es ist sehr wichtig, ihnen Freiheit zu geben, damit sie das, was in ihnen steckt, aus sich herausholen können. Ich habe jedenfalls den Job gefunden, der mit meiner intrinsischen Motivation übereinstimmt. Es gibt viele Menschen, bei denen das nicht der Fall ist. Ich habe also richtig Glück gehabt. Und das hat auf vielen Ebenen auch mit Basketball, mit Dirk Nowitzki und seiner Stiftung zu tun.

___ von Constantin Kern.

Fotos © ALBA Berlin/Florian Ullrich (Armdrücken), Constantin Kern (Huddle)