FORTYONE

Unser Wohnzimmer

Es komme wer möchte! Kein Leistungsdruck! Spaß! Das Projekt BasKIDball ist seit mehr als zehn Jahren offen für alle, an siebzehn Standorten in Deutschland. Und seit Jahren fördert die Dirk Nowitzki-Stiftung das deutschlandweite Projekt. FORTYONE hat die Menschen getroffen, die sich dort engagieren.

Das Bamberger Brauhaus »Spezial«, in dem ich mich vor dem Interview mit Holger Geschwindner stärke, steht seit 1536 an seinem Platz, fast 500 Jahre lang ist man hier gut ohne Nährwerttabellen ausgekommen. Inzwischen aber verlangt die EU den Abdruck des Energie- und Fett-, Zucker- und Salzgehalts jedes einzelnen Gerichts. Deshalb stehen in der Speisekarte des Gasthauses nun rhetorische Fragen: Will irgendjemand »Normfleisch vom Normschwein« und »Normklöße, geformt von Normhänden«?

Vielleicht liegt diese Abneigung gegen Gleichmacherei im Bamberger Wasser, die Brauer teilen sie mit den Machern des Projekts BasKIDball, das 2007 in Bamberg entstand. Hier geht es eben nicht darum, den nächsten Dirk zu finden, nicht um Leistung, perfektioniert in endlosen, immer gleichen Drills, sondern um die einzelnen Kinder, ihre Meinungen, Wünsche und Probleme.

Dirk Nowitzkis Weg in die Weltspitze hätte vor ziemlich genau 25 Jahren enden können, bevor er richtig begann – weil es fast unmöglich war, eine Halle außerhalb der Vereinszeiten zu finden. »Die waren meistens verriegelt«, erinnert er sich. 2007 wurde Nowitzki als MVP der NBA ausgezeichnet, doch in Deutschland waren die Sporthallen noch immer fast ausschließlich den Vereinen vorbehalten. Heute fördern die Dirk Nowitzki-Stiftung und die ING-DiBa ein Projekt, das diese Ausgangslage grundlegend ändert: BasKIDball. Freiwilligkeit, Freiraum und Fairplay, Sport und Spaß sind seit mittlerweile zehn Jahren die Säulen des Projekts. An inzwischen 17 BasKIDball-Standorten in ganz Deutschland können Kinder gemeinsam ihren ganz eigenen Weg gehen.

Der Gründer

Die Pionierarbeit leistete dabei Holger Geschwindner. Für den 72-Jährigen ist die Grundidee von BasKIDball eine ganz einfache. »Wir wollten bloß eine gute Stube bauen«, sagt er. »Ein Wohnzimmer für alle. Vor allem für die, die zuhause keins haben.«

Einen Ort also, an den man gerne kommt, zum Abschalten von Schulstress, Geldsorgen, Beziehungsproblemen. Warm und hell, aber ohne Eltern, die einem ständig über die Schulter gucken. Ein Wohnzimmer, in dem nicht permanent der Fernseher läuft. Ohne Sofa, aber dafür mit Körben und Bällen. Einen Ort, an dem man spielen und trainieren, sich auspowern und immer weiter verbessern kann wie im Sportverein, wo aber niemand böse ist, wenn man mit den Gedanken woanders ist, wenn man später kommt, früher geht oder auch mal ganz zu Hause bleibt. Wo keine disziplinarischen Maßnahmen drohen. Wo jeder willkommen ist: Grund- und Hauptschüler, Azubis und Abiturienten, Jungen, Mädchen. Gute und schlechte Spieler.

»Mit zwölf Kids haben wir damals vor zehn Jahren angefangen«, erinnert sich Geschwindner. »Durch Zufall gingen drei von ihnen aufs selbe Gymnasium. Deren Mannschaft ist dann Deutscher Schulmeister geworden, im Finale haben sie die Junioren von Alba Berlin geschlagen, die in ihren schicken Trikots aussahen wie Profis.« Wichtiger als der sportliche Erfolg ist Geschwindner aber die Lektion fürs Leben: »Auf Äußerlichkeiten kommt es nicht an.« Es sei denn, diese Äußerlichkeiten haben echte, negative Folgen. Einmal, erzählt der Urvater des Projekts, sei ein Junge in klobigen Skischuhen aufgetaucht, Gift für den Parkettboden. »›Den musst du rausschmeißen!‹, haben die Kids da ganz aufgeregt gerufen. ›Nee‹, habe ich gesagt. ›Ihr müsst das regeln. Das hier ist Eure Halle.‹«

Seit zehn Jahren steht er fast jeden Samstag und Sonntag in der Halle. Führt ein paar der Übungen vor, die Nowitzki so erfolgreich gemacht haben. Erinnert mit leisem Spott daran, dass Träume von Dunkings und Dreiern Träume bleiben werden, wenn Korbleger und Freiwürfe nicht sitzen. Spielt mit, wenn zu wenige Kids da sind, im Zweifelsfall in Jeans und Holzfällerhemd. Freut sich diebisch, wenn die Jungs und Mädchen die Würfe der anderen blocken – umso mehr, wenn das nicht Teil der Übung ist. Weil auch das Leben Überraschungen birgt, und fürs Leben lernen sollen sie hier.

Deshalb bringt er ihnen, wenn sie doch einmal über die Stränge schlagen, zur »Strafe« bei, wie man auf Französisch, Türkisch, Russisch zählt. Überfragt ist er nie. »Wie man dem Ball den richtigen Drall gibt, kann ich ihnen erklären«, sagt der Mann, der 150 Länder- und 600 Bundesligaspiele absolvierte und drei Deutsche Meisterschaften gewann. »Im echten Leben hat aber natürlich jeder andere Probleme.« Dafür ist das BasKIDball-Team da. Wer Hausaufgabenhilfe braucht, bekommt sie. Wer mit einem Brief vom Amt überfordert ist, kann ihn mitbringen. »Und wer größere Fragen hat, dem drücke ich beim nächsten Mal ein passendes Buch in die Hand.« Geschwindner grinst wie eines seiner Kids. Das Experiment gelingt.

Der Möglichmacher

Ramy Azrak im Einsatz als Coach © privat

Ramy Azrak haben sie schon vor einem Vierteljahrhundert »Papa Ramy« genannt. Als er noch ein Teenager war. Weil er auf dem Bolz- oder Freiplatz andere mitzocken lassen wollte, jüngere Kinder oder Mädchen – und sie dann voll ins Spiel einband. Allzu viele Sprüche kassierte er für diese »uncoole« Nettigkeit nie, denn seine eigenen Skills am Ball waren enorm. Sind sie immer noch, auch mit mittlerweile 39. Da ist er Dirk nicht unähnlich. »Sport war immer meine Droge«, sagt der Sohn syrischer Gastarbeiter. Schon als Zehntklässler dirigierte er die angehenden Abiturienten seines Schulteams, führte sein Streetball-Team zur Deutschen U16-Meisterschaft – und konnte trotz seiner 1,86 Meter dunken. Aus dem Stand. Das unterschied ihn von den meisten anderen Michael-Jordan-Fans.

Ramys Heimat ist Bonn-Tannenbusch. »Tabu« nennt man diesen Stadtteil hier kurz, und für viele aus den feineren Vierteln ist er genau das: Hier geht man nicht hin. 10.000 Menschen wohnen im rauen Neu-Tannenbusch, viele in Plattenbauten mit acht, zehn, zwölf Stockwerken, und Ramy Azrak scheint jeden einzelnen zu kennen. Er grüßt hier und da und macht Smalltalk auf Deutsch und Arabisch. Ramy leitet nicht nur den BasKIDball-Standort Bonn, er wohnt auch hier. Schon sein ganzes Leben lang. Früher aus Mangel an Alternativen, heute aus Überzeugung. Ihm gefällt das multikulturelle Umfeld, dass er hier »alles kennt, jedes Haus, jeden Stein, jeden Busch« – und dass er hier etwas bewegen kann. Wo andere ein Ghetto sehen, sieht er unermesslich viel ungenutztes Potenzial, ganz nach dem Motto des Rappers Alligatoah: »Ein Wrack ist ein Ort, an dem ein Schatz schlummert.«

Ramy betont aber auch: »Um eine Chance nutzen zu können, musst du erstmal eine bekommen.« Und viele Kinder aus sozial schwachen Familien bekämen eben keine. Viele gerieten in einen Teufelskreis aus familiären und finanziellen Problemen, Apathie, Minderwertigkeitskomplexen und Selbsthass. Nicht immer führen der Frust und die Perspektivlosigkeit zu Sucht und Gewalt, aber häufig zu schlechten Noten – und damit zu erfolglosen Bewerbungen um Praktika, Ausbildungsplätze, Jobs. Ramy selbst hat sich nicht hängenlassen – nach dem Abi wurde er Fitnesstrainer, studierte später an der Sporthochschule Köln. »Es war ein Riesenglück, dass ich den Sport zum Beruf machen konnte«, sagt er. »Kellnern musste ich nur zwischendurch mal für ein Jahr.«

Heute engagiert er sich in diversen Projekten, die Sport, Sozialarbeit und politische Bildung verbinden. Sein Netzwerk reicht vom Bundestagsabgeordneten über Lokalpolitiker bis zu den Kleindealern nebenan, die er als nächstes von der Straße holen will. Neben dem Bonner BasKIDball-Standort leitet Ramy auch Bildungs- und Integrationsprojekte der lokalen Dr. Moroni-Stiftung und arbeitet als Personal Trainer, bildet Flüchtlinge zu Übungsleitern aus (»Wie könnte Integration besser gelingen?«), vermittelt interkulturelle Abendessen und begeistert Kinder für seine Leidenschaft Schach. »Sport ist der perfekte Türöffner und soziale Motor«, betont Azrak. »Hier lernst du alles, was du fürs Leben brauchst – von Fairplay und Kooperation bis hin zu Durchhaltevermögen.«

Er selbst ist neben seinen Eltern vor allem Herrn Lambertz dankbar, seinem Grundschullehrer. »Bei ihm fing alles an, er hat mich so vieles gelehrt, mich gestärkt und gefördert. Weil er nach meinen Stärken gesucht hat, statt sich auf meine Schwächen zu konzentrieren.« Mit demselben Ansatz kümmert sich Ramy nun um die Kinder und Jugendlichen aus seinem Block. Er macht sie fit – nicht für eine Profikarriere, sondern fürs Leben. Jede Beschimpfung mit »Gutmensch« nimmt er als Kompliment. »Hater und Neider, die alles schlechtmachen, gibt es viel zu viele.« Mit großer Freude sieht er, dass sich in seinem Viertel eine Menge tut. Die Hochhäuser bekommen frische Anstriche, Spielplätze werden gebaut, und Basketballkörbe dazu, wenn auch teils auf Rasen, Schotter oder Parkplätzen. Ramy Azraks Langzeitziel ist, sich selbst überflüssig zu machen: »Hoffentlich gibt es bald viele neue Ramys«, sagt er grinsend. Ganz egal, wie sie heißen, ob sie Kopftuch tragen, wie groß ihr Bizeps ist und wie gut sie Basketball spielen.

Der Wachstumshelfer

Andreas Schiebel hat von Basketball eigentlich recht wenig Ahnung, die Sportart habe er aktiv nur während der Schulzeit im Sportunterricht kennengelernt, sagt er. Weil dem gelernten Bankkaufmann während seines anschließenden Zivildienstes klar wurde, dass er mit Menschen arbeiten will, studierte er Sozialpädagogik und Sozialmanagement. Eher trotz als wegen des Projekts BasKIDball fing er 2010 als Verwaltungsleiter beim Bamberger Verein Iso – Innovative Sozialarbeit an. »Nach dem Vorstellungsgespräch hab’ ich mir gedacht, ›Mit dem Basketball-Projekt kann ich wenig anfangen, dazu hab’ ich gar keinen Bezug‹«, erinnert sich der 42-Jährige lachend. Wenige Wochen danach telefonierte er mit Ademola Okulaja. »Guter Typ, dachte ich mir – wer auch immer er ist.« Heute weiß Schiebel, dass Okulaja eine echte Basketball-Legende ist, trifft auch selbst mal einen Korbleger – und BasKIDball ist sein Lieblingsprojekt. Er leitet die Koordinierungsstelle von BasKIDball für ganz Deutschland, die die einzelnen Standorte unterstützt, berät und die überregionale Zusammenarbeit vorantreibt.

Besonders gefällt Schiebel, wie sich die absolute Freiwilligkeit des Projekts auswirkt. »Es gibt keinen Zwang, keine An- und Abmeldung, und alle können ihre Freunde mitbringen. Diese Unverbindlichkeit führt oft dazu, dass die Kinder und Jugendlichen, die sich sonst gegen Zwänge auflehnen, von sich aus verbindlich werden.«

Andreas Schiebel

So oft wie möglich verlässt Andreas Schiebel sein Büro in Bamberg, um einen der 17 Standorte zu besuchen. Beim jährlichen Sommercamp ist er aktiv eine Woche dabei. »Grundsteine legen, Fähigkeiten wecken und Kompetenzen fördern« will er mit BasKIDball, doch vor Ort beobachtet er regelmäßig, dass das Projekt noch mehr bewirkt. Kleine, aber gewichtige Dinge: Manche der Teilnehmer der Basketballcamps schmecken auf Ferienfreizeiten zum ersten Mal salziges Meerwasser oder erleben, dass es im Tal heiß sein kann, während auf den Bergen noch Schnee liegt. Oft sehe man die Jugendlichen wie im Zeitraffer reifen: »Sie spüren die Wertschätzung, übernehmen den freundlichen Umgangston, lernen Konfliktlösung durch Kommunikation.« Am ersten oder zweiten Tag einer Freizeit komme es durchaus vor, dass sich bei der Essensausgabe nur zehn von hundert Kids bedanken. »Aber das ändert sich schnell. So vieles schlummert in ihnen, man muss es nur hervorlocken!«

Doch dafür müssen die Voraussetzungen stimmen, und auch Schiebel lernt ständig hinzu: »In Leverkusen hätten wir eine Halle haben können, die eigentlich ideal ist«, erzählt er, »aber die Betreuer vor Ort haben abgewunken. Denn daneben verläuft eine Bundesstraße, die zwei Stadtteile voneinander trennt wie eine Staatsgrenze. Die Jugendlichen vor Ort hätten ihr gewohntes Gebiet anfangs nicht verlassen. Die Sporthalle in einem anderen Stadtteil muss Schritt für Schritt kennengelernt werden; dazu braucht es die Unterstützung der BasKIDball-Betreuer, die die Wege buchstäblich zusammen mit den BasKIDs gehen!«

Neulich hat er zufällig wieder einmal miterlebt, wie groß soziale Ungleichheiten und Schräglagen sein können. Beim Besuch einer Mittelschule in einem strukturschwachen Stadtteil bekam er mit, wie eine Sekretärin stundenlang Kindern hinterhertelefonierte, die einfach nicht zum Unterricht erschienen. »Manche Eltern sind ab morgens um sechs im Schichtdienst und bekommen das nicht mit, andere interessiert es schlicht nicht«. Schiebel denkt nach, dann wird er laut und energisch. »38 Schüler im Schnitt tauchen an dieser Schule nicht auf. 38!«

Umso bereitwilliger unterstützt Schiebel die Kommunen in ihrer Jugendarbeit und dabei, BasKIDball-Standorte zu etablieren. »Gemeinsam mit den Kommunen werden Konzepte entwickelt, die auf den Bedarf vor Ort abgestimmt sind. Standorte, pädagogische Mitarbeiter und ein Finanzierungskonzept sind zu entwickeln. Der überregionale Finanzierungsbedarf wird dabei durch Spendenmittel gedeckt – die ING-DiBa und die Dirk Nowitzki-Stiftung fördern ganz gezielt BasKIDball Projekte.«

Schiebel wird enthusiastisch, wenn er sein Projekt und seine Leute vorstellt: BasKIDball kümmere sich um Zugänge zu Hallen und die Einbindung von Sozialarbeitern und Sportlern in die Projektumsetzung. Die Ausstattung der Halle sei dabei oft Nebensache, alles komme auf die Menschen an, die mit den Jugendlichen arbeiten. Nach Personalwechseln kämen auf einmal statt 40 Kindern plötzlich nur noch wenige. Oder genau umgekehrt – plötzlich kommen Dutzende Kinder, die nie zuvor da waren. »Die Betreuerinnen und Betreuer sind DER entscheidende Faktor für BasKIDball«, sagt Schiebel.

Spätestens bei den Treffen der Standort-Gruppen würden dann die verschiedensten Welten aufeinanderprallen: »Manche kommen aus Familien, die Urlaubsreisen oder Ausflüge kaum kennen – anderen fehlt es materiell an überhaupt nichts, aber ihnen setzen schulischer Leistungsdruck oder die berufliche Anspannung der Eltern zu«, erzählt Schiebel. »Kinder kommen schnell in Kontakt und lernen voneinander. Diese Begegnung unterschiedlichster Hintergründe, Lebenssituationen, Kulturen, Nationalitäten und Schulzugehörigkeiten ist zentral. BasKIDball ist für ALLE – jede und jeder ist willkommen!«

Andreas Schiebel hat unzählige Geschichten seiner BasKIDs im Repertoire: »Einmal hat sich eine ganze Truppe wütend vor mir aufgebaut, weil ich angeblich vergessen hatte, für das richtige Fleisch zu sorgen.« Die Jugendlichen hatten gehört, dass am Abend dieses Sommercamp-Tages gegrillt werden sollte und befürchteten jetzt, dass für die Bratwürste auch Schwein verwendet werden könnte. »Also sind sie zum Metzger und haben Unmengen Putenfleisch gekauft.« Amüsiert schüttelt Schiebel den Kopf. Im Wissen um die große Zahl von Muslimen hatte er natürlich vorgesorgt, es gab genug Rindswurst für alle. Und jetzt auch Geflügel. »Hättet Ihr mich gefragt, hätten wir den Ärger jetzt nicht«, sagte er damals. »Nun habt Ihr die Wahl. Erste Möglichkeit ist: Ihr bratet euer Fleisch selbst. Zweite Möglichkeit: Ihr spendet es ans Camp, dann kümmert sich der Kochdienst um alles und wir teilen alles. Die Jungs wählten Option Zwei, geschmeckt hat es dann allen gemeinsam. Und zwar mehrere Tage lang. Kommunikation ist einfach das A und O bei BasKIDball.«

Diese vermeintlich unscheinbaren Geschichten sind Andreas Schiebel wichtig, weil sie zeigen, wie BasKIDball funktioniert: Kleine Schritte mit großer Bedeutung, Verbindlichkeit und Freiheit. »Einmal betraten Prüfer im Rahmen einer Zertifizierung eine unserer Hallen, um zu checken, wie sich BasKIDball praktisch auf die Kids auswirkt. Im selben Moment rannte ein kleines Mädchen quer durch die Halle auf ihre Betreuerin zu, sprang an ihr hoch und fragte, wo sie bloß letzte Woche gewesen sei, sie habe sie vermisst. ›Eigentlich können wir jetzt gehen‹, sagte einer der Prüfer zum anderen. ›Das sagt eigentlich alles.‹«

Die Ex-Nationalspielerin

Olga erzählt nur höchst ungern davon, aber sie hätte auch für das berühmteste Team der Welt spielen können: 1995 hatte sie ein Angebot aus der WNBA. Aber die 97-fache Nationalspielerin hatte ebenso wenig Lust auf die USA wie auf einen Wechsel zum BTV Wuppertal, der Über-Mannschaft der Deutschen Bundesliga, dem einzigen Titelträger, den es zwischen 1994 und 2000 gab. Stattdessen spielte sie lieber in Österreich, Frankreich und Belgien, ihren Lieblingsländern, gewann Meisterschaften, Pokale, MVP-Trophäen. »Aber das war ein anderes Leben«, sagt die 44-Jährige bestimmt. Heute will sie nicht über Leistungssport sprechen und nicht über sich. Heute ist sie Olga von BasKIDball, heute geht es um Kinder und Jugendliche – und um den Leistungsdruck, der vielen von ihnen zusetzt. »Bei BasKIDball muss niemand besser sein als die anderen«, sagt Olga. »Druck ist nicht nur problematisch, sondern oft auch völlig unnötig.«

Olga weiß, wovon sie spricht, sie ist seit fast zehn Jahren dabei und kennt die Probleme der Jugendlichen. Olga betont, dass es wichtig sei, die Initiative zu ergreifen, zu agieren statt bloß zu reagieren. »Meiner Tochter und auch den BasKIDs sage ich, dass die Mischung stimmen muss: Schule ist wichtig fürs Leben. Sport ist gut für den Körper, Musik für die Seele.« Olga ist überzeugt, dass kein Kind Yoga oder Autogenes Training braucht – ein Ball und ein Korb seien mehr als genug. »Ziele setzen sich die Mädchen und Jungs schon selbst. Ich gebe bloß etwas Hilfestellung.«

Olga kam als Aussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland, doch wer denkt, sie habe in der Sowjetunion Ungutes erlebt und fände das deutsche Vereinssystem uneingeschränkt spitze, liegt falsch. »Ich bin meinen Eltern und ersten Trainern unendlich dankbar, dass ich mich ohne große Vorgaben entfalten durfte in Leichtathletik, Volleyball, Basketball«, sagt sie, und: »In Deutschland erdrückt der Fußball alle anderen Sportarten – und umso heftiger streiten sich die Vereine um die Kinder.« Und die Klubs, findet Olga, hätten bisweilen nicht immer das Beste für die Kinder im Sinn. Auch hier gehe es oft um das Leistungsprinzip, auch wenn die Kinder ganz andere Dinge bräuchten. »Die Vereine wollen Erfolge, Aufstiege, Rekorde. Potenzielle Leistungssportler werden gefördert, aber viele andere bleiben auf der Strecke.«

Dass es bei BasKIDball anders ist, hat ihre zwischendurch eingeschlafene Liebe zum Basketball wieder erweckt. »An diesem Projekt ist toll, dass die Kids zusammenkommen und vor allem Spaß haben sollen.« Mitbestimmung und Respekt sind Olga heilig. Deshalb fragt sie zu Beginn stets, worauf die Kinder Lust haben. Manchmal lautet die Antwort »Dreier werfen«, manchmal »einfach nur rumhängen und quatschen«. Wie von selbst bilden sich dann Grüppchen, öffnen sich Räume für Einzeltrainings oder Gespräche über Liebeskummer. »Die Kinder vertrauen sich uns Erwachsenen an, öffnen sich aber auch einander.«

Die Holunderschorle steht seit einer halben Stunde unangetastet vor ihr, so konzentriert und detailliert berichtet Olga von den Erfolgen des Projekts. Gemeinsam mit Lehrern, Eltern und Kollegen hat die Diplomsportlehrerin schon einige Kinder vor dem Schulabbruch bewahrt und Mobbingopfern genug Selbstbewusstsein gegeben, um ihre Situation zu meistern.

Die Frankfurter BasKIDs Quissam, Biniam und Amani

Vom BasKIDball-Assistant-Programm schwärmt Olga besonders: Die Gruppenleiter-Ausbildung befähigt ehemalige BasKIDs, die Prinzipien und Werte weiterzugeben, von denen sie selbst profitiert haben. Sie trainieren und betreuen Kinder, die so sind, wie sie einst waren. Assistants kennen die Probleme, aber sie haben vor allem ihre eigenen Lösungen gefunden. Und die geben sie jetzt weiter. Die Ausbildung hat schon mehreren Teilnehmern weitere Türen geöffnet, zu FSJ- und Studienplätzen im Ausland zum Beispiel. Und ein Junge konnte bei seiner »Work and Travel«-Reise nach Neuseeland als Jugendtrainer arbeiten, statt Obst zu pflücken. Olga ist regelrecht euphorisch, wenn sie über BasKIDball spricht.

Fuchsig wird die sonst so freundliche Frau, wenn das Gespräch auf schulbedingten Stress kommt. Olga sieht die Freiräume für Kinder und Jugendliche immer weiter schrumpfen. »Umso wichtiger ist es, dass sie beim Sport abschalten und die Schule völlig vergessen können. In Trainings- oder Wettkampfpausen sollte niemand Vokabeln lernen müssen!« Viele Eltern schreiben ihr: »Mein Kind kann heute nicht zum BasKIDball kommen, weil es zu viele Hausaufgaben hat.« Olga kennt dieses Problem gut, sie ist selbst zweifache Mutter. Aber ihr stößt auf, dass Schule und Sport gegeneinander ausgespielt werden. Der gefühlte Rechtfertigungsdruck selbst ärgert sie. »Am liebsten würde ich hören: ›Mein Kind ist müde‹ oder ›Mein Kind braucht Freiheit‹ oder einfach ›Mein Kind hat keine Lust.‹«

Weil Kinder sich nicht bloß äußerlich voneinander unterscheiden, sondern vor allem in Wesen und Wünschen. Jeder Lebenslauf ist individuell, jede Mischung von Stärken und Schwächen, jedes Ziel und jeder Weg dorthin. In der Schule bekommen zwangsläufig alle denselben Stoff vorgesetzt. Bei BasKIDball aber dürfen sie mitbestimmen, spielend lernen und wachsen in ihrem eigenen Tempo. Als geschätzte Einzelspieler in einem starken Team.

___ von Tobias Jochheim.

Fotos © BasKIDball, soweit nicht anders angegeben