Wir wollen die Fahne sehen

Als sich Dirks lang gehegter Traum von Olympia 2008 endlich erfüllte, konnte sein Mitspieler Johannes Herber nur verletzt zuschauen – das überwältigende Glück, dabei zu sein, kann er trotzdem nachempfinden.

Am Abend des 20. Juli 2008 steht Frank Buschmann in der Mixed Zone der Athener OAKA-Olympic Indoor Hall und wartet. Die Miene so zerknittert wie sein weißes, kurzärmeliges Hemd, starrt er in Richtung der Katakomben. Das Spiel um Platz drei des vorolympischen Qualifikationsturniers ist vor etwa einer halben Stunde zu Ende gegangen. Von dem großen Videowürfel unter dem Hallendach leuchtet noch das Endergebnis: Deutschland 96, Puerto Rico 82. Der Sieg bedeutet die erste Teilnahme einer deutschen Basketballnationalmannschaft an den Olympischen Spielen seit 1992. Nein, mehr: Er bedeutet die Erfüllung eines Traums. Und über Träume muss doch geredet werden. Wo zur Hölle bleibt dieser Nowitzki?

Joppi sagt, er habe Dirk vor der Kabinentür gefunden. Weinend, völlig aufgelöst. Kurz nach den Shakehands mit den betrübten Puerto Ricanern, als der Rest der Mannschaft sich jubelnd im Mittelkreis versammelte, hatte Dirk die Biege gemacht. Man sieht es auf den Fernsehbildern – ich habe es mir nochmal angesehen – den Kameras ist er nicht entkommen. Er geht schnurstracks vom Feld in Richtung Ausgang, ein Handtuch um den Kopf, den Blick gesenkt. Vorbei an den Funktionären, den Ordnern, den ausgestreckten Händen der jubelnden Fans, die sich weit über die Absperrung beugen. Als Joppi das gesehen hat, ist er gleich hinterher. Gute Osteopathen fühlen, wenn sie gebraucht werden, und Jens Joppich ist ein verdammt guter. Er hat die Tür aufgeschlossen, Dirk in die Kabine geschleppt, um die Ecke herum, hinten in die Dusche, wo er vor dem Spiel den Behandlungstisch aufgebaut hat. Dirk hat sich erstmal abgelegt. Es wird dauern, bis er wieder aufsteht.

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Unterdessen hangelt sich Buschmann vor seiner blauen, mit Sponsorenlogos gepflasterten Tafel tapfer von Werbeblock zu Werbeblock und verschleißt dabei einen Nationalspieler nach dem anderen. »I don’t like the taste of beer«, sagt Chris Kaman schließlich in das rot-blaue DSF-Mikrofon, er müsse davon sofort brechen, und spätestens bei dieser Antwort wird auch Buschi klar, dass das Warten keinen Sinn mehr hat. München gönnt ihm noch einen Werbeblock, bevor er etwas missmutig verkündet, Dirk sei momentan nicht fähig, ein Interview zu geben, es werde leider nicht mehr gelingen, »die Gefühle Dirk Nowitzkis in die deutschen Wohnzimmer zu transportieren«.

Dirk sei momentan nicht fähig, ein Interview zu geben, es werde leider nicht mehr gelingen, »die Gefühle Dirk Nowitzkis in die deutschen Wohnzimmer zu transportieren«.

Man muss sich das einmal vorstellen: der NBA Most Valuable Player 2007, zukünftiger Hall-of-Famer, »The German Wunderkind«, der Mann, der schon gegen die besten Spieler aller Zeiten, in den größten und ehrwürdigsten Arenen, vor den lautesten, verrücktesten Fans große und noch größere Spiele gespielt hat, dieser Mann liegt nun, nach einer unspektakulären Partie vor vielleicht 2.000 Zuschauern in einer sterilen Athener Arena, in der sein hartnäckigster Gegenspieler Ricky Sanchez vom Provinzteam Idaho Stampede gewesen war, auf einer Massagebank im hintersten Winkel einer schäbigen Kabine und heult laut Buschmann »Rotz und Wasser«. Man habe Verständnis, ringt der Kommentator sich gefrustet ab, Olympia sei nun mal Dirks großes Ziel gewesen.

»Fuck Olympia!«

Fuck Olympia! Das muss ich etwa zur gleichen Zeit gedacht haben, als ich den Fernseher ausschaltete, mich auf dem Sofa meiner Berliner Wohnung zusammenrollte und Buschmann, Nowitzki und dem Rest der Welt den Rücken zudrehte. Fuck Olympia oder zumindest, fick mein verdammtes Knie. Auch ich hatte geweint, allerdings etwas früher als Dirk, ungefähr zwanzig Sekunden vor Spielschluss, als die deutschen Bankspieler plötzlich zu jubeln begonnen hatten. Jan Jagla reckte die geballten Fäuste, Sven Schultze und Patrick Femerling lagen sich in den Armen und Steffen Hamann flexte seine Muskeln wie ein aufgeputschter Wrestler. Die Spieler, die jetzt auf dem Bildschirm im Kreis hüpften und wirre Lieder anstimmten, waren meine Jungs (wir stimmen immer wirre Lieder an). Ihre Mission »Peking 2008« war ebenso meine Mission gewesen.

Man habe Verständnis, ringt der Kommentator sich gefrustet ab, Olympia sei nun mal Dirks großes Ziel gewesen.

Ich würde hier nicht über den Traum von Olympia schreiben, hätte ihn ich nicht selbst geträumt und hätte ich nicht außerdem eine kleine Rolle dabei gespielt, dass dieser Traum für Dirk Wirklichkeit wurde. Wir haben nie darüber geredet, Dirk und ich. Ich habe ihn nie gefragt, wie sich das alles anfühlte, der Augenblick, als ihm klar wurde, dass er sein großes Ziel erreicht hatte. Und warum ausgerechnet – zwischen allen anderen grandiosen Erfolgen, den 40-Punkte Spielen, den siegreichen Play-Off-Schlachten, der Wahl zum MVP – die Qualifikation für Peking 2008 die größten Emotionen bei ihm weckte. Es fällt mir jetzt auf, dass ich Dirk in den fünf Sommern, die wir zusammen als Nationalspieler verbrachten, überhaupt nie nach irgendwelchen Gefühlen gefragt habe. Vielleicht rührt es daher, dass man sich in einer Basketballmannschaft generell selten über Gefühle unterhält. Aber vielleicht lag es auch ein wenig an Dirk, oder besser gesagt, an meiner Befangenheit ihm gegenüber. Denn obwohl alle stets betonten, und immer noch betonen, er sei bloß »einer der Jungs«, so blieb er doch immer Dirk Nowitzki, der das Leben lebte, das wir uns als Jugendliche immer ausgemalt hatten.

Der Traum von Olympia beginnt immer vor dem Fernseher. Für Dirk beginnt er mit dem Duell zwischen Ben Johnson und Carl Lewis – das 100m-Finale 1988 in Seoul, in dem Johnson Weltrekord läuft. Für mich vier Jahre später mit Dieter Baumanns Sieg über die 5.000m in Barcelona. Wie Johnson aus den Blöcken explodiert, und Baumann auf den letzten Metern innen an den Kenianern vorbeizieht. Dazu Gerd Rubenbauers Schrei: »Die Lücke ist da!« Das legendäre Zielfoto: Baumann mit erhobenen Armen, mit aufgerissenen Augen, als könne er selber kaum fassen, was in dieser Sekunde geschieht, als habe er Bedenken, wirklich als erster über die Ziellinie zu laufen. Es sind starke Bilder, die mich heute immer noch berühren. Sie stehen emblematisch für das, was die Olympischen Spiele ausmacht: die Überwindung körperlicher Grenzen. Johnson und Baumann zeigen uns, was erreichbar ist – wie aus Körpern Maschinen werden können. Höher, schneller, weiter. Die Olympischen Spiele, schreibt der Philosoph Gunter Gebauer, seien eine Utopie, die uns die Möglichkeiten unserer Spezies vor Augen führe. Mehr noch: »hintergründige Werbung für die Ideologie der Verbesserung des Menschen.«

Pierre de Coubertin würde Gebauer wahrscheinlich zustimmen. Vom Medium Fernsehen ahnte er noch nichts, aber bereits 1896, als der französische Baron die ersten Spiele der Neuzeit in Athen eröffnete, betrachtete er die Wettkämpfe als Werbemittel. Coubertin war überzeugt, dass der Sport die in seinen Augen verweichlichte, sich in ihrer Dekadenz suhlende französische Gesellschaft des Fin de Siecle revitalisieren konnte. Durch Training des Körpers und der Willenskraft, durch das Messen mit einem Gegner und das Agieren in einer Mannschaft würde die französische Jugend auf das Leben der sozialdarwinistisch geprägten Moderne vorbereitet werden.

© Johannes Herber

1992 vor dem Fernseher weiß ich nichts vom Olympismus, nichts von Chancengleichheit und Fair Play, von Ritterlichkeit und non-discrimination. Der »olympische Frieden« kümmert mich nicht. Dirk und ich pfeifen auf Coubertin. Wir sehen bloß Johnsons Muskeln und Baumanns Willen, wir sehen die hochgerissenen Arme, die schmerzverzerrten Gesichter, die Tränen bei der Siegerehrung. Wir sehen Gebauers »passionierte Maschinen« und fühlen mit. Wir ballen die Fäuste, wir schreien, wir lachen, wir weinen, wir schneiden Grimassen, wir legen uns in die Kurve und strecken das Kinn nach vorne ins Ziel. Wir sind Zeugen. Wir sehen, was möglich ist. Und wir wissen: Wir wollen dabei sein.

Dirks erster Versuch scheitert. Es ist 1999 und die Europameisterschaft in Frankreich ist sein erstes großes internationales Turnier. Die deutsche Mannschaft schafft es bis ins Viertelfinale, aber verliert dort gegen Serbien. Ihr bleibt die Platzierungsrunde und die Chance auf Platz 6, der die Qualifikation für die Spiele in Sydney bedeutet. Der Ort ist der Palais Omnisport in Paris-Bercy, der Gegner Russland und der Halbzeitstand 24:40. In der zweiten Hälfte findet Deutschland zu sich, und zwei Minuten vor Schluss beträgt der Rückstand nur noch drei Punkte. Dirk stößt sich von seinem Gegenspieler ab, der Ball gelangt in seine Hände. Elfmeter nennt Holger Geschwindner diese Würfe in der Crunchtime, wenn die Beine müde sind und alles auf dem Spiel steht. 52,9 Prozent beträgt Dirks Dreierquote in diesem Turnier, aber diesen Elfmeter wird er verschießen. Der Ball knallt auf den Ring, Deutschland verliert und Russland fährt nach Sydney. Von Tränen war damals nicht die Rede, aber bereits im Palais Omnisport habe es lang gedauert, bis Dirk nach dem Spiel aus der Kabine gekommen sei, erinnert sich Christoph Büker, Pressesprecher des Deutschen Basketball Bundes. Schon damals habe man sehen können, welchen Stellenwert die Olympischen Spiele für Dirk besitzen.

»When Germany needed Dirk Nowitzki most, the NBA-star failed.«

Vier Jahre später, 2003, Norrköping, Schweden. Zweiter Versuch, gleiches Resultat. Nach knapp überstandener Vorrunde steht Deutschland im Cross Elimination Game Italien gegenüber. Noch eine Minute, Gleichstand, 78:78. »First, he missed a free throw, then he chose to shoot a 3-pointer too early.« Der offizielle Spielbericht auf fibaeurope.com zeigt, was von Dirk mittlerweile erwartet wird: Als Deutschland ihn am meisten braucht, kann er nicht liefern. Ich vermute, Dirk selbst hätte diese Ansicht geteilt. »The best closer in the game«, wie Dirk Bauermann ihn später einmal nennen wird, kann den Sack nicht zumachen.

Apropos Bauermann. Er übernimmt den Bundestrainerposten von Henrik Dettmann, der nach der enttäuschenden Vorstellung in Schweden entlassen wird. Mit Bauermann beginnt eine neue Zeit. Er verändert den Kader kaum, dafür aber die Herangehensweise. Zuerst mistet er die Triangle-Offense aus, Dettmanns favorisiertes Angriffssystem. Ab jetzt sind die Regeln strikter, die Freiheiten begrenzter, die Rollen klarer verteilt. Ab jetzt ist Dirk die Sonne, um die sich alles dreht. Ab jetzt komme ich ins Spiel. Bauermann nennt mich »einen Star in seiner Rolle, die definiert war als Verteidiger, schnörkelloser Anspieler von Dirk Nowitzki, opportunistischer Scorer und als verlängerter Arm des Trainers auf dem Feld.«

Ich war ein guter Trabant.

Was Bauermann sagen wollte: Ich war ein guter Trabant. 2004 berief er mich zum ersten Mal in die Nationalmannschaft und zwei Jahre darauf erlebte ich mein erstes großes Turnier, die Weltmeisterschaft in Japan. Wir spielten mäßig und wurden Zehnter. Darüber trauerte niemand. Ich habe noch ein verwackeltes Video unseres letzten Abends in Tokio. Wir sitzen auf niedrigen Hockern vor einem Straßencafé, trinken Sake und singen Lieder, während ein japanischer Greis den Takt vorgibt. Vor unseren Füßen: die Überwindung körperlicher Grenzen mal anders, Demond Greene im Breakdance Battle gegen sich selbst. Wir alle tragen weiße Bandanas mit japanischen Schriftzeichen auf der Stirn – zwölf Daniel LaRussos in XXL. Ich spürte, dass diese WM nicht zählte, dass der Blick des Teams weiter in die Zukunft ging. Was zählte, war der dritte Versuch: die Europameisterschaft 2007 in Spanien. Die Qualifikation für Peking.

Die Rechnung war simpel: Eine Finalteilnahme bedeutete die direkte Qualifikation, Platz drei bis sieben immerhin noch das Recht, beim vorolympischen Qualifikationsturnier einen vierten Versuch zu starten. Die Mannschaft war eingespielt, die Mannschaft war erfahren. Außerdem war da Dirk, einer der fünf besten Spieler der Welt, wie Coach Bauermann zu betonen nicht müde wurde. Wenn nicht in diesem Jahr, mit diesem Team, so seine Überzeugung, dann wohl auch nicht 2012 oder 2016. Wir machten uns an die Arbeit.

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Wie immer begann der Sommer im Trainingslager auf Mallorca. In der Halle von Inca war es tierisch heiß, 35 Grad, keine Klimaanlage, die Bälle brandneu und ebenso rutschig wie der staubige Boden, aber Bauermann kannte keine Gnade. Defense-Drills bis die Sohlen qualmten und dazu Athletiktrainer Benno Eickers legendäre Zirkel. Mit dicken Gummibändern um die Hüften hechelten wir durch einen Hütchenparcours, zickzack, zackzick, bis die Muskeln brannten und der Rest der Welt vor den Augen verschwamm. Wenn Dirk später darüber sprechen würde, wie viel Schweiß die Mannschaft für Olympia vergossen hätte, würde er wohl den Schweiß von Inca meinen, genauer, den Schweiß aus Sven Schultzes Trainingskleidung, die Sven jeden Abend nach getaner Arbeit über dem weißen Plastikmülleimer vor der Hallentür auswrang.

Das Turnier begann, und wir spielten mau. Ein glücklicher Sieg gegen Tschechien, eine knappe Niederlage gegen Litauen, gegen die Türkei ein Kantersieg. In der Zwischenrunde verloren wir gegen Frankreich mit 12 und am Tag darauf mit 30 gegen die Slowenen. Nur ein Sieg gegen Italien im letzten Gruppenspiel würde uns ins Viertelfinale retten und die olympische Chance am Leben erhalten.

Wir gewannen 67:58 und es waren meine opportunistischen Scoringfähigkeiten, die uns den Sieg sicherten. Ich erzielte 15 Punkte, 13 davon in der zweiten Hälfte. An diesem Tag gab ich die Interviews (sie mussten mich nicht lange bitten) und verpasste dabei Trainerlegende Dean Smith, der dem Team in der Kabine gratulierte. Im Hotel brachte mir Dirk die Nudeln an den Tisch. Das Spiel deines Lebens, sagen die Leute noch heute zu mir, und dass Peking ohne mich ein Traum geblieben wäre. Fuck Peking, denke ich dann und nicke freundlich mit dem Kopf.

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Fuck Peking, weil die körperlichen Grenzen für mich unüberwindbar blieben. Fuck Peking, weil etwa drei Wochen nach dem Spiel gegen Italien mein linkes Kreuzband riss. Drei Tage nach der Operation saß ich schon wieder auf dem Ergometer. Höher, schneller, weiter. Nach vier Wochen stellte ich die Krücken in die Ecke. Höher, schneller, weiter. Hantelscheiben, Wiederholungszahlen, Trittfrequenzen. Höher, schneller, weiter. Es wird April, Mai, dann ist Juni. Höher, schneller, weiter – ich sitze auf dem Sofa. Zehn Monate Plackerei hatten nicht gereicht. Höher, schneller, weiter – von Kreuzbändern hatte Pierre de Coubertin keinen Schimmer.

»Die Pracht … machtvoller Symbolik« – damit kannte er sich besser aus. Coubertin hatte früh erkannt, was die Olympischen Spiele von konventionellen internationalen Sportwettkämpfen unterscheiden sollte. Das »Kapitel der Zeremonien« sei »eines der wichtigsten, das wir regeln müssen«, schrieb er in einem Aufsatz von 1910. Die Bayreuther Inszenierungen Richard Wagners dienten ihm dabei als Vorbild. Er plante die Spiele als Wagnerisches »Gesamtkunstwerk«, ein kultisches Fest, eine sinnlich-ästhetische Gegenwelt zum entzauberten Leben in der Moderne. Nur durch Symbolik und Rituale würden Werte und Ideale greifbar gemacht, so Coubertin, nur darüber entstünde gesellschaftlicher Zusammenhalt. Coubertin zielte auf Gefühle und bediente sich dabei der Erkenntnisse eines Zeitgenossen. Gustave LeBon, der Begründer der Massenpsychologie, glaubte an die Kraft von Emotionen als gemeinschaftliches Bindemittel, aber auch daran, dass diese eher durch Sinneseindrücke erzeugt würden, als durch Worte und Reden. LeBon und Coubertin wollten starke Bilder. Deshalb also die Ringe, der Eid, der Fackellauf und die Entzündung des Feuers im Stadion, der Einmarsch der Nationen unter Fanfarenklängen, das ganze Brimborium der Eröffnungsfeiern mit ihren Choreographien und Tänzen, den Salutschüssen und dem gigantischen Feuerwerk.

„Die Pracht machtvoller Symbolik.“ © Wikimedia Commons

Coubertin begriff den Olympismus als Quasi-Religion, die sich über geteilte Praktiken und Erfahrungen definierte. Vor einigen Jahren, noch bevor ich überhaupt für die A-Nationalmannschaft spielen würde, hatte ich einmal eine Ahnung davon bekommen, was er damit meinte. Es war der Abend des 21. August 2003 und ich stand im Stadiontunnel des »Blue Arc«, der größten Sportarena der südkoreanischen Stadt Daegu. Die Universiade sei wie Olympia im Kleinformat, hatte man uns gesagt, nur eben für Studenten. Es gebe beinahe alles dort, was es auch bei den richtigen Spielen gebe: Medaillen, Hymnen, Flaggen, ein Athletendorf mit großer, gemeinsamer Kantine. Es stimmte. Es gab sogar Akkreditierungen hinter laminiertem Plastik, Sicherheitschecks wie am Flughafen und Einheitskleidung für die deutsche Delegation: sehr enge, schwarze Baumwollhosen und knallrote T-Shirts aus Acryl, die beim Anziehen knisterten. Es gab 4471 Teilnehmer aus über 170 Ländern und eine Eröffnungsfeier, bei der es nur so krachte.

66.000 auf den Rängen des »Blue Arc« und ich unten im Tunnel, in zwickenden Hosen und dem inzwischen weinrot geschwitzten T-Shirt, die Akkreditierung baumelt um den Hals. Ich erinnere mich an den Blick hinein in die Arena. Die bunten Flaggen, die zackige Musik, das gleißende Licht der Scheinwerfer und der Abendhimmel dahinter. Beim Einmarsch mein Schock über die tatsächlich vollgepackten Ränge und das gewaltige Tosen, das uns umgibt. Meine Orientierungslosigkeit. Wohin zuerst schauen, wem zuerst winken? In den Gesichtern meiner Mitspieler, ja aller Teilnehmer, erkenne ich dieselbe Überwältigung. Und gleichzeitig: dieselbe Glückseligkeit. Wir staunen und lachen, wir liegen uns in den Armen und schießen Fotos davon. Noch am nächsten Tag schmerzen meine Wangen vom Dauergrinsen.

Massenpsychologie in Aktion. © Johannes Herber

»Athleten leben ein Leben zum Scheitern hin«, schreibt Gunter Gebauer. Triumphgefühle währten immer nur kurz. Sportler seien gedrillt, schnell zu vergessen, sich selbst im Moment des größten Sieges auf die nächste Herausforderung zu konzentrieren, darauf, das Scheitern abzuwenden und das gerade Erreichte wieder zu toppen. In Daegu erlebte ich, dass es anders geht. Auf dem grünen Rasen des »Blue Arc«, inmitten des ganzen Trubels, verspürte ich einen Moment des Innehaltens, eine Art feierliche Dankbarkeit. Ein Gefühl der Ankunft. Es war durchdringend, allumfassend, von mir aus: quasi-religiös. Ich weiß nicht, welche Rolle die Choreographien oder die Marschmusik spielten, und ob der Fackellauf und das Feuerwerk halfen, dieses Gefühl zu erzeugen. Aber ich bin sicher, dass das Wissen, dass die anderen Teilnehmer dasselbe spürten, mein Gefühl noch verstärkte. Es war Massenpsychologie in Action. Dabei sein, da waren sich alle einig, das war verdammt geil, fucking awesome, d’enfer, τρομερός, 很棒的. Wie musste sich das erst bei Olympia anfühlen?

»Fucking awesome, d’enfer, τρομερός, 很棒的.«

Symbol schlägt Stil.

Die Pekinger Eröffnungsfeier habe ich mir nicht angeschaut. Erst zur Vorbereitung auf diese Geschichte habe ich einen Blick auf die Bilder geworfen, die Artikel von damals durchgesehen und mit Mitspielern geredet, die dabei gewesen sind. Ich weiß jetzt, dass sie sich alle die Haare geschoren und die fünf Ringe hineinrasiert haben. Ästhetisch war das sehr fragwürdig, aber manchmal sind Symbole stärker als guter Stil.
Ich bemerkte, dass sie keine roten T-Shirts trugen, sondern weiße Hemden mit Nadelstreifen und darüber silbergraue Jacketts. Ich habe gelesen, dass DOSB-Generalsekretär Michael Vesper »Gerd« Nowitzki als Fahnenträger ausrief und dass Gerd die Fahne erst kurz vor dem Einmarsch in die Hand bekam. Dass es drückend heiß gewesen sein muss, als er an der Spitze der deutschen Delegation durch die Katakomben Richtung Ausgang geschoben wurde, bis von hinten einer rief: »Wir wollen die Fahne sehen!« Alle 453 Athleten, Trainer und Betreuer haben eingestimmt und der Widerhall im engen Tunnel des Pekinger Vogelnests ist gewaltig gewesen, ebenso wie der Jubel, der erklang, als Dirk die riesige Fahne schließlich über die Köpfe seiner Gefolgschaft wehen ließ. Wahnsinn, hat er selbst gesagt. Alle anderen, Femerling, Roller, Zwiener, Hamann haben es genauso ausgedrückt: Das war Wahnsinn.

Am Ziel.

Bei Olympia zählen Bilder mehr als Worte. Ich habe mir etliche angesehen: Dirk, sichtlich verschwitzt, die ersten drei Knöpfe des Hemds geöffnet, das silberne Sakko zugeknöpft, die Fahne hält er fest in beiden Händen. Sein Gesicht zeigt den gleichen Ausdruck, den ich aus Daegu kenne, die gleiche Mischung aus Glück, Stolz, Freude und Andacht.

Dirk und ich haben nie darüber geredet. Ich habe ihn nie gefragt, wie sich das alles anfühlte: der immense Druck vor dem Spiel gegen Puerto Rico und die Erleichterung danach, der Einmarsch als Fahnenträger drei Wochen später und das Leben als Athlet im olympischen Dorf. Aber wenn ich mir sein Gesicht so anschaue, dann würde ich sagen, für ein paar Stunden, vielleicht sogar für einige Tage danach, war Dirk angekommen.

___ von Johannes Herber.

Fotos © Camera4, sofern nicht anders angegeben