Der ewige Dirk

Die 21. Saison steht vor der Tür – 21 Jahre für den selben Club: in der Geschichte der Liga gab es das noch nie. Dirks Rolle verändert sich, aber weniger wichtig wird er nicht für die Mavericks. Für FORTYONE hat Bobby Karalla von mavs.com einen hellseherischen Gastbeitrag aus dem Inneren des Teams geschrieben.

Im kalten Untergeschoss des American Airlines Center, bedrängt von einem halben Dutzend Fernsehkameras und geblendet von ihren grellen Lampen, stand Dirk Nowitzki in einem Pulk aus Reportern und zog in seinem Abschlussinterview sein Fazit zu einer enttäuschenden Saison.

Nowitzki wirkte müde, und dazu hatte er allen Grund. Eine NBA-Saison ist lang, und die der Mavs war erst seit gestern vorbei. Diese Saison schien noch anstrengender gewesen zu sein als sonst, so enttäuschend groß war diesmal die Kluft zwischen Erwartung und Realität. Ein verkaterter Reporter nach dem anderen stellte die üblichen Standardfragen – War’s das vielleicht für dich? Was fehlt euch, um es wieder in die Playoffs zu schaffen? Welche Free Agents sollen die Mavs holen? Was ist mit dem Draft? –, und nach jeder dieser Fragen dachte Nowitzki kurz nach, seufzte dann und gab seine Antwort. Jeder wusste, dass er mehr von sich selbst und seinem Team erwartet hatte, doch er spielte mit und gab uns die Antworten, die wir brauchten.

Dann jedoch geschah etwas Unerwartetes. Jemand fragte Dirk, ob er bereit sei, von der Bank zu kommen und seinen Platz in der ersten Fünf einem besseren Spieler zu überlassen, mit dem das Team eventuell wieder um den Titel mitspielen könne. Ein normaler NBA-Spieler, vor allem einer der größten Spieler seiner Generation, wäre einer solchen Frage höflich ausgewichen und hätte die nächste beantwortet. Superstars zeigen niemals Schwäche; auch deshalb sind sie so gut.

Carmelo Anthony beispielsweise erklärte nach der letzten Saison, dass er für die Thunder nur ungern von der Bank kommen wolle. »Ich habe schon so viele Opfer gebracht«, sagte er bei seinem Abschlussinterview. »Das ist etwas, über das ich nachdenken müsste. Will ich wirklich diese Art von Spieler sein? Will ich meine Karriere als diese Art von Spieler beenden?«

Anthony ist einer der führenden aktiven Scorer, zehnfacher All-Star und einer der besten und bekanntesten Spieler seiner Generation. Auch jetzt im fortgeschrittenen Alter kann er natürlich zurecht erwarten, weiterhin in der ersten Fünf zu spielen. Superstars haben sich dieses Recht oft durch überragende Leistungen erworben – in Anthonys Fall über mehr als ein Jahrzehnt.

Ich hatte gedacht, dass Nowitzki etwas Ähnliches sagen würde. Weit gefehlt. »Meine letzten beiden Jahre will ich genießen«, begann er. »Ich will für ein gutes Team spielen. Für ein Team, das gewinnt. Das die Playoffs erreicht. Das hoffentlich weit kommt. Also ja: alles, was dazu beitragen kann, mache ich natürlich, gar keine Frage.«

Da saß Nowitzki nun also, am Morgen nach dem Ende seiner Saison, und bot freiwillig an, eine kleinere Rolle einzunehmen – zum Wohle des Clubs, den er groß gemacht hatte. »Wenn’s hilft«, fuhr er fort. »Das habe ich immer schon gesagt.« Für Donnie Nelson, den General Manager der Mavs, war dieses Angebot neu, so schien es jedenfalls. Nelson war fast den Tränen nahe, als man ihn fragte, was er zu Nowitzkis Vorschlag zu sagen habe.

Dieses Interview fand nicht 2018 statt. Auch nicht 2017. Nein, zu diesem Gespräch kam es 2015, nach einer Saison, in der der damals 36-jährige Nowitzki durchschnittlich 17,3 Punkte erzielte und die Mavs zum elften Mal in seiner großen Karriere mehr als 50 Spiele gewonnen hatten.

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Dirk Nowitzki ist außergewöhnlich – und zwar nicht nur als Basketballspieler. Er ist sich seiner eigenen Schwächen überaus bewusst – bis zu einem Grad, der einen neutralen Betrachter an Nowitzkis Selbstbewusstsein zweifeln lassen könnte. Und viele zweifelten tatsächlich, bis seine unfassbaren Leistungen die Mavs 2011 zum Titel führten und die Kritiker verstummen ließen. Nowitzki hat im Laufe seiner NBA-Karriere bisher mehr als 31.000 Punkte erzielt, eine Meisterschaft und den MVP-Titel gewonnen. Er ist so oft ins All-Star-Team gewählt worden, dass er selbst den Überblick verloren haben dürfte. Er geht in seine 21. Saison für die Mavericks und hat in mehr als der Hälfte der Spiele auf dem Platz gestanden, die die Mavericks je gespielt haben. Sein Name ist gleichbedeutend mit seinem Club, man vergisst leicht, dass es die Mavericks schon vor Nowitzki gegeben hat.

Dirk muss nicht von der Bank kommen, wenn er das nicht will, soviel ist sicher. Er hat sich in dieser Stadt und diesem Club eine derartig große Bedeutung erarbeitet, dass er ohne Weiteres auf seinem Platz in der ersten Fünf bestehen könnte – vermutlich würden Coach und Club ihn selbst dann starten lassen, wenn er anbieten würde, sechster Mann zu sein. Sei es auch nur, um ihn nach vier oder fünf Minuten auszuwechseln – wie bereits 2017/18. Carmelo Anthony will nicht von der Bank kommen, und man kann ihm das nicht verübeln. In der Geschichte der NBA haben viele Stars dasselbe getan. Nowitzki hat die Möglichkeit allerdings von sich aus in den Raum gestellt, zum Wohle seines Teams, am Ende einer Saison, in der er zum All-Star gewählt wurde.

Es kann durchaus sein, dass Dirks Name vor den Spielen der Saison 2018-19 nicht für das Starting Line-Up aufgerufen wird. Die Mavericks haben in der Free Agency DeAndre Jordan verpflichtet und ihren Draftpick hochgetradet, um Luka Dončić zu bekommen. Damit haben sie innerhalb von elf Tagen zwei dringliche Schwächen des Kaders behoben. Mit Jordan hat Dallas nun einen der besten Defensivrebounder der Liga – und ein Empfänger für Lobs, der Dennis Smith Jr. das Leben deutlich erleichtern sollte. Und Dončić gilt als eines der besten europäischen Talente aller Zeiten, er könnte direkt zum besten Passgeber seiner Mannschaft werden.

Donnie Nelson und Michael Finley haben in den letzten Jahren intensiv daran gearbeitet, das Team zu verjüngen. Jordan ist mit seinen 30 Jahren zwar kein Küken mehr, aber er ist noch athletisch wie ein 25-jähriger. Dončić ist noch keine 20, und Smith wird erst Anfang der kommenden Saison 21. Harrison Barnes ist 26. Die Mavericks sind jünger und athletischer, sie wollen schneller und beweglicher spielen. Dirk hingegen ist am stärksten in einem eher langsamen und überlegten Spiel, wenn eine Flut von Ball-Screens am Zonenrand für Verwirrung sorgt, und die Schützen auf den Flügeln hin- und herschneiden.

Merken Sie, worauf ich hinauswill?

Dieses Jahr könnte das Jahr sein, in dem Dirk schließlich doch noch von der Bank kommt. Ich sage nicht, dass es so kommen wird – geschweige denn, dass es so kommen sollte. Noch einmal: Die Entscheidung liegt allein bei Dirk. Bei Legenden ist das so. Wenn er mit 50 noch in der ersten Fünf spielen will, werden die Mavericks das möglich machen. Wenn er allerdings einverstanden ist, Mitte des ersten Viertels gemeinsam mit seinem Pick-and-Pop-Buddy J.J. Barea eingewechselt zu werden und die gegnerischen Rookies auseinanderzuschrauben, dann wird das so kommen. Es würde mich nicht überraschen, wenn Mike Procopio, der Player Development-Coach und harte Trashtalker, ihm schon jetzt ab und zu Sprüche über seine mögliche Bankrolle drückt. »Wir können dich eh nur noch einwechseln, wenn die Schiris sich Videobeweise ansehen. So lahm wie du bist, kommst du sonst nicht rechtzeitig zum Anschreibetisch!« Die Witze machen sich quasi von selbst.

Wenn man die Zahlen der letzten Saison extrapoliert, könnte es tatsächlich sein, dass Nowitzki von der Bank aus sogar effektiver ist. Wenn Barea und er in der letzten Saison gemeinsam auf dem Feld standen, erzielte Dallas laut NBA Stats beeindruckende 110,3 Punkte pro 100 Ballbesitze. Das liegt mehr als sechs Punkte über dem Saisondurchschnitt des Teams. Die Mavericks haben in der letzten Saison nur 24 Spiele gewonnen, doch die Mannschaft spielte immer mehr als ordentlich, wenn die beiden zusammen auf dem Feld standen. Von den 14 Spielen ohne Nowitzki oder Barea gewann Dallas nur ein einziges.

Dirk und J.J. versetzen die Reservisten der gegnerischen Mannschaften schon seit Jahren in Angst und Schrecken. Ich weiß nicht, wie viele Haare sich die gegnerischen Coaches ausgerissen haben, weil schon wieder ein Nachwuchs-Big Man Dirk ungedeckt an der Dreierlinie stehengelassen hat. Oder, noch schlimmer, eine solche Angst davor hatte, Dirk offen zu lassen zu lassen, dass er alle anderen Spieler auf dem Platz vergaß, und Barea sich durchwuselte und völlig frei zum Korbleger kam.

Das Reservistendasein könnte zudem Dirks Kräfte schonen. Selbst wenn er ähnlich viel spielt wie in der letzten Saison, würde er gegen Ende der Saison frischere Beine haben, weil er nicht ständig den besten Spielern des Gegners hinterherrennen müsste. Die Möglichkeit einer 22. Saison hat Dirk offengelassen, aber sich im April und Mai noch fit zu fühlen, wäre der erste Schritt dazu.

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Natürlich wird seine Entscheidung vor allem davon abhängen, was in den nächsten Jahren das Beste für das Team sein wird – wenn Dirk einmal nicht mehr die Wahl haben sollte, ob er startet oder von der Bank kommt. Es könnte ein ernüchterndes Gefühl für einen Superstar von Dirks Format sein. Aber er ist an Bord: »Wenn es zum Rebuild kommt, bin ich sein Gesicht«, sagte er 2017. Die Mavericks mussten keinen Neuanfang mehr machen, seit das ehemalige German Wunderkind sie zu Beginn des Jahrtausends aus dem Tabellenkeller in die Playoffs führte. Doch alles geht irgendwann einmal zu Ende, und das weiß auch Nowitzki.

In seiner 21. Saison gibt es für Nowitzki allerdings einen neuen spannenden Grund, weiter dabei zu bleiben, ein neues Projekt, das es in Angriff zu nehmen gilt: Luka Dončić. Der ehemalige Superstar von Real Madrid ist selbst ein Wonderboy, ein 19-jähriger, der seit 2015 bereits mehr als 200 Profispiele absolviert hat. In der Geschichte der Liga gab es noch nie einen Teenager, der mit so viel Erfahrung und so vielen Auszeichnungen in die Liga gekommen ist wie Dončić. Allein im Kalenderjahr 2017 hat er die spanische Meisterschaft, die Europameisterschaft und die Euroleague gewonnen (letztere sogar als MVP).

Der Unterschied zwischen Luka und dem 19-jährigen Dirk könnte kaum größer sein. Dončić ist seit Jahren ein Star, stand jahrelang unter intensivster Beobachtung. Er ist der Sohn einer slowenischen Basketballlegende und hat schon jetzt mehr erreicht, als die meisten NBA-Spieler sich je erhoffen dürfen. Als Nowitzki aus Europa kam, hatte er nur in der zweiten deutschen Bundesliga gespielt, und selbst unter den fanatischsten NBA-Fans hatte kaum jemand von ihm gehört.

Dončić ist in Amerika bereits jetzt so bekannt, weil Dirk Nowitzki diesen Weg geebnet hat. Auf dem Weg zum Superstar hat er das Stereotyp des europäischen Basketballers in Einzelteile zerlegt, und viele General Manager wurden gefeuert, weil sie auf der Suche nach dem nächsten Nowitzki erfolglos waren. Heute weiß man in Amerika genau, was europäische Nachwuchsstars wie Dončić oder Mario Hezonja tun. Und zwar bereits, wenn sie junge Teenager sind.

Im letzten Sommer haben wir die EuroBasket gesehen und gestaunt, wie das slowenische Team im Halbfinale die Spanier dominierte. Ein Team um Ricky Rubio, Marc und Pau Gasol und Sergio Rodriguez kam plötzlich recht prosaisch daher. Dončić legte gegen Spanien 11 Punkte, 12 Rebounds und 8 Assists auf, und alle wussten, dass er im nächsten Draft in den Top Five ausgewählt werden würde. Seine dominante Saison für Real Madrid katapultierte ihn unter die ersten Drei, und vielen Experten galt er sogar als Favorit auf den Top Pick. Die Einschätzungen der Teams selbst gingen auseinander, doch für Donnie Nelson war Dončić die Nr. 1, und deshalb tauschten die Mavericks ihren fünften Pick und einen Erstrunden-Pick 2019, um Dončić nach Dallas zu holen.

Nowitzki hat in dieser Saison zwei Jobs: Die gegnerischen Reservisten auf die Bank schicken, und Dončićs Einstieg in die NBA so reibungslos wie möglich ablaufen zu lassen – smoother als seinen eigenen im Jahre 1999. Nach seiner durch den Lockout verkürzten Rookiesaison hatte er sich gefragt, ob er seine NBA-Karriere überhaupt weiter verfolgen sollte. Dallas investiert einiges in Dončićs Zukunft, und die Mavericks setzen dabei auf Nowitzki. Dončićs Aufmerksamkeit hat er: Während einer Pressekonferenz am Draft-Abend nannte Dončić Nowitzki eine »Legende«. Er wolle so viel von ihm lernen, wie er nur könne. Dafür hat er nun eine Saison Zeit, vielleicht auch zwei, denn die Uhr tickt.

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Das Ende von Nowitzkis Karriere als Spieler ist in Sicht. Das wissen wir alle, auch er selbst. Nachdem er einige Male Verträge mit einer Option für ein zweites Jahr unterschrieben hatte, nahm er dieses Mal einen Vertrag über nur ein Jahr. Doch Nowitzki ist niemand, der gerne viel Aufhebens um sich macht. Vermutlich werden wir also erst im nächsten Frühling erfahren, ob es tatsächlich die letzte Saison gewesen sein wird. Vielleicht sogar erst im Sommer. Erinnern Sie sich an das erste Zitat dieser Geschichte? 2015 sagte er, er wolle seine »letzten beiden Jahre genießen«. Seitdem hat er bereits drei weitere Jahre gespielt. Dieses Mal fühlt es sich dennoch ein wenig anders an: Alles ist für die Zukunft der Mavs bereitet. Aber Dirk ist Teil dieser Zukunft.

Luka Dončić und Dennis Smith Jr. scheinen die jungen Eckpfeiler zu werden, nach denen das Management der Mavericks schon so lange gesucht hat. Und Harrison Barnes hat absolut das Zeug dazu, das Gesicht der Mavericks in der Post-Nowitzki-Ära zu werden (Basketballspielen kann er auch). Das heißt mitnichten, dass Dirk Nowitzkis Arbeit erledigt wäre. Wenn Luka Dončić in fünf, sechs Jahren im allerbesten Basketballalter sein ist, wird Dirk vermutlich kein Trikot mehr tragen, aber seine Einsichten und Ratschläge, seine Mentalität, sein Arbeitsethos werden immer eine Rolle spielen. Sie werden in Dončić fortleben, in Smith, Barnes und all den anderen, die im Jahre 2025 ein Mavericks-Trikot tragen werden. Die Mavericks werden irgendwann an seiner Statue vorbeikommen, wenn sie die Halle betreten, und wenn sie nach oben blicken, werden sie dort sein Trikot mit der 41 sehen, direkt neben dem Meisterschafts-Banner.

Aber noch ist es nicht soweit.

Superstars werden selten gebeten, ihre Mannschaftskollegen für eine Zukunft ohne sie fit zu machen, doch Nowitzki tut genau das. Er hat Barnes zu einem stillen Arbeitstier gemacht, er hat Smith das Leben als NBA-Profi gezeigt und ihm durch die Niederlagen seiner Rookiesaison geholfen. Und jetzt bereitet er Dončić auf die größte Umstellung seiner Karriere vor. Ob er zu Beginn des Spiels auf dem Feld steht oder von der Bank kommt, Nowitzki hilft mit all seiner Kraft mit, die Mavericks für eine erfolgreiche Zukunft vorzubereiten. Das ist ein Opfer – allerdings eins, das der ewige Dirk nur allzu gerne leisten wird.

___ von Bobby Karalla.

Foto © Jason Miller/Getty Images