Der Stand der Dinge #7

Dirk Nowitzki im Gespräch mit FORTYONE – über den Spaß am Spiel, gegnerische Fans, die ihm Respekt bekunden, und das Potenzial der neuen Mitspieler.

Fortyone: Dirk, wie geht’s dem Körper?

Nowitzki: Ganz gut. Seit Dezember habe ich mich echt herankämpfen müssen. Das war mitten in der Saison natürlich sehr frustrierend und schwer. Aber in den letzten paar Wochen geht es viel besser. Ich habe jetzt ja sogar ein paar Mal angefangen. Leider verlieren wir gerade immer die knappen Spiele. Aber ich bin jetzt wieder auf einem Level, auf dem es mir Spaß macht, mit den Jungs draußen zu spielen und zu kämpfen.

Beim Spiel gestern gegen Denver sah das auf jeden Fall genauso aus. Isiah Thomas war der Kommentator und er fand, dass du mit diesen jungen Enthusiasten um dich herum total invigorated aussahst. Fühlt sich das so an? Ist der Spaß so richtig wieder da?

Am meisten Spaß hat man natürlich, wenn man gewinnt. Und das fehlt im Moment ein bisschen. Es sind viele knappe Spiele, und am Ende verlieren wir leider trotzdem, und das ist natürlich frustrierend. Aber es macht trotzdem Spaß mit den Jungs: Wie sie kämpfen, wie sie jeden Tag arbeiten und hart trainieren. Und von daher versuche ich einfach, die letzten paar Wochen der Saison richtig zu genießen. Alles, was dazu gehört. Ob das eine Busfahrt ist, ob es ein Flug ist oder eine Teambesprechung. Ich versuche immer, meinen Spaß zu haben.

Gestern hat Jokić das Spiel mit dem letzten Wurf gegen euch entschieden und du warst nicht im Spiel. Denkst du dann, »Es wäre schon gut, wenn ich jetzt gegen den verteidigen würde und nicht Powell?« Oder guckst du dir das schon eher aus der Distanz an?

Klar wäre ich am Ende des Spiels gern auf dem Feld, da kribbelt’s natürlich schon. Gestern haben wir zehn Punkte im vierten Viertel gemacht, und da denkt man natürlich schon, »Ich könnte noch helfen.« Aber meine Mobilität lässt das nicht mehr zu. In wichtigen Situationen, wenn das Spiel schneller wird, ist es einfach schwer für mich, noch richtig mitzuhalten. Aber das ist okay. Ich habe meine Zeit gehabt, am Ende vom Spiel, viele, viele Jahre lang. Klar ist es für mich noch immer ungewohnt, im vierten Viertel zuzuschauen, aber das wird sich nicht mehr ändern.

Beim Dunk von Dončić hast du mit erhobenen Armen dagestanden – ist das ein Glücksmoment für dich? Bist du dann ganz dabei und denkst nur an das Spiel?

Ja, du willst das Spiel gewinnen. Darum geht es. Und das war natürlich eine super Aktion, weil es keiner erwartet hat. Das sind manchmal die spektakulärsten Dinger. Jeder denkt: »Der nimmt einen Floater oder passt.« Aber der geht da rein und hämmert das Ding über zwei Leute rein. Weil das so unerwartet kam, war es natürlich noch besser. Unsere ganze Bank ist durchgedreht. Wäre natürlich besser gewesen, wenn das der Gamewinner für uns gewesen wäre. Aber ich hoffe, dass wir daraus lernen. Gewinnen ist in dieser Liga schwer. Vor allem auswärts gegen gute Mannschaften. Da muss man sich durch vieles durchbeißen, ob das Schiedsrichterentscheidungen sind oder eine laute Halle. Manchmal muss man das Gewinnen erst lernen. Wir haben viele junge Leute, und ich hoffe, dass die Erfahrungen, die wir jetzt machen, uns und den Jungs in Zukunft helfen. Und dass wir hoffentlich nächstes Jahr um die Playoffs mitspielen.

Die Situation in diesem Jahr fühlt sich anders an als im Jahr davor?

Ja, natürlich. Wir geben immer unser Bestes. In der letzten Woche haben wir super gespielt. Haben mit einem Punkt gegen Houston verloren. Haben knapp gegen San Antonio verloren, wir waren auf zwei dran. Und gestern haben wir knapp gegen Denver verloren. Alle drei sind super Mannschaften. Der Ostküstentrip in der Woche davor war etwas bitter. Da haben wir nicht toll gespielt, in Brooklyn haben wir haushoch verloren. In Washington war es besser, aber am Schluss haben wir auch da dumm verloren. Und auch gegen Orlando hätten wir gewinnen können. Aber die letzten drei Spiele gegen drei sehr gute Mannschaften haben wir echt super gespielt, super gekämpft, teilweise richtig gut zusammengespielt. Aber  am Schluss waren wir einfach nicht abgezockt genug.

Gerade bekommst du bei Auswärtsspielen Respektbekundungen. Du bedeutest den Menschen offenbar viel. Vielleicht drehen wir das mal um: Was bedeuten dir die Arenen und die Fans und die speziellen Leute? Was zum Beispiel bedeutet dir Doc Rivers?

Na ja, Wahnsinn. Seine Aktion war auch unerwartet, deswegen war es auch doppelt emotional. Die Clippers lagen vorne. Normalerweise dribbeln die die Uhr aus, und dann ist das Spiel vorbei. Aber auf einmal sehe ich, wie Doc eine Auszeit nimmt, und ich denke mir: »Was nimmt der denn jetzt ’ne Auszeit?!«. Ich war ein bisschen irritiert. Und auf einmal schnappt der sich das Mikrofon und schaut mich direkt an. Und ich so: »Was passiert denn jetzt?«  Ich habe überhaupt nicht gecheckt, was eigentlich los war in dem Moment. Und dann sagt er: »Alle aufstehen.« War superemotional. Über zwei Minuten haben sie alle gestanden, das hat sich ewig lang angefühlt. Das alles ist ein bisschen surreal, klar. Es freut mich natürlich riesig, den Respekt zu kriegen. Das ist immer wieder emotional. Zu wissen, dass man respektiert und akzeptiert wird für das, was man zwanzig Jahre lang in seinem Beruf geleistet hat.

Bei den ganzen Shake-Hands und den Umarmungen, die man dann so sieht, wenn dir alle gratulieren – wird da immer nur gesagt: »Glückwunsch«? Oder werden auch noch ein paar Sprüche gedrückt?

Nee. Meistens heißt es: »Glückwunsch.« Und: »Hey, tolle Karriere.« Oder: »Habe dir immer zugeschaut, früher, als ich klein war.« Alles Mögliche eigentlich. Aber jetzt nix, was superoriginell wäre. Aber auch das ist schon toll zu hören. Immer wieder.

Gibt es in den Arenen abseits des Rampenlichts Begegnungen, die dich berührt haben?

Es sind eben nicht nur die Spieler. Manchmal komme ich in die Halle und die Securityleute sprechen mich an, »Hey, tolle Karriere.« Die Leute, die Getränke verkaufen, oder Arena-Polizisten, alle kommen her und schütteln mir nochmal die Hand. Das ist schön und auch emotional, dass man sich Respekt erspielt hat über zwei Jahrzehnte. Wie gesagt, das sind nicht nur Spieler. Das ist der Wahnsinn. Auch die Coaches oder die Ball-Boys, die uns den Ball passen. Oder Fans, die teilweise zwei Stunden vor dem Spiel in die Arena kommen, um da zu warten. Das sind zum Teil Leute, von denen man es überhaupt nicht erwarten würde. Wenn man auswärts spielt, dann sieht man natürlich Hunderte von Gesichtern, aber manche Security-Typen im Tunnel, die hat man über die Jahre doch schon immer wieder gesehen. Es ist schon schön, diese Leute wiederzusehen. Ein bisschen zu flachsen. Und wenn die dann sagen: »Hey, war ’ne tolle Karriere. War schön, dir zuzuschauen über die Jahre«, dann ist das toll.

Empfindest du diese Situation auch als Druck? In dem Sinne, dass dir die Entscheidung ein Stück weit aus der Hand genommen wird? Oder kannst du das genießen?

Ich kann das genießen. Ich habe ja immer gesagt: »Die Entscheidung fällt nach der Saison.« Von daher war das Allstar-Game eine tolle Sache – noch einmal auf der großen Bühne zu stehen und Spaß zu haben mit den jungen Stars, die heutzutage die Liga tragen. Und noch einmal die drei Dreier getroffen zu haben. Die letzten Wochen waren echt ein großer Spaß. Ich versuche, alles mitzunehmen und alles zu genießen.

Wie siehst du eure sportliche Situation? Speziell, was die neuen Spieler betrifft.  

Die Mavericks-Zukunft ist in guten Händen, glaube ich. Wir haben mit Luka und mit Porzingis Leute, die ein Riesentalent besitzen und auf die man die Zukunft aufbauen kann. Bei Luka haben wir ja schon gesehen, was der für ein Jahr spielt. Porzingis hat in den letzten Wochen schon viel 1-gegen-1, 2-gegen-2, 3-gegen-3 gespielt. Jetzt hat er zum ersten Mal richtig mittrainiert. Wahnsinn für die Größe. Ein absolutes Bewegungstalent, super Touch. Wenn der einen Ball über die Hüfte kriegt, kann keiner mehr was machen. Weil der einfach so groß ist, dass er über jeden drüber schießen kann. Ich glaube, dass das auch ein Riesenspaß für die Mavs-Fans wird. Zusammen mit Luka. Und Jalen Brunson hat sich in diesem Jahr so entwickelt, dass er mal unser Point Guard für die Zukunft sein könnte, neben Luka.« Weil er den Ball eben nicht oft in der Hand braucht, aber super im Team spielen kann. Wir haben wirklich superinteressante junge Leute. Maxi und Dorian Finney-Smith sind im Sommer ja beide Free Agents. Die wollen wir vermutlich halten, beide haben sich super entwickelt in den letzten zwei Jahren. Und beide sind erst 25, 26. Ich denke, dass wir wirklich interessante junge Leute haben, die die Mavericks in Zukunft tragen werden.

Wenn du Porzingis siehst, guckst du da ein bisschen in deine eigene Vergangenheit?

Er ist echt noch einmal ein Stück länger als ich. Das ist der Wahnsinn. Dass er sich bei dieser Größe noch so geschmeidig bewegen kann und so abschließen kann, auch aus größerer Entfernung, das ist wirklich sehr, sehr beeindruckend. Klar habe ich am Anfang auch so gespielt, mit Anfang Zwanzig, als ich mich noch bewegen konnte. Mit Durchziehen, mit Dreiern, mit Post Moves. Das hat er mit knapp 23 alles schon im Repertoire. Wenn der so weiterarbeitet – und das ist ein absoluter Arbeiter –, wird er uns in Zukunft noch eine Menge Spaß machen.

Hast du im Training schon direkt gegen ihn gespielt?

Nee, wir waren in einer Mannschaft. Aber es wird mit Sicherheit in den nächsten paar Wochen noch passieren. Aber da habe ich natürlich mittlerweile wenig gegen zu halten.

Eure Mannschaft ist gerade sehr europäisch. Freut dich das?

Wir wollen mit den Mavericks in den nächsten Jahren wieder auf Meisterschaftskurs gehen. Und als Organisation ist es uns egal, wie wir dieses Level wieder erreichen. Aber es macht natürlich Spaß zuzuschauen, wie die jungen Europäer sich jetzt in der Liga durchsetzen. Ich glaube einfach, dass die Spielweise sich in den letzten zwei Jahrzehnten so geändert hat, dass es Europäern in die Hände spielt, die skilled sind, die sich bewegen können, die werfen können. Es gibt heute einfach nicht mehr so viele Post-Ups. Die Liga ist heute viel Von-draußen-Werfen, viele Dreier, viel Bewegung, viel Pick-and-Roll.

Gibt es ein Spiel, einen Gegner oder eine Halle, auf die du dich in den nächsten Wochen besonders freust?

Der Wahnsinn war ja Boston, als alle aufgestanden sind. Das war eins der ersten Male, dass das passiert ist. Noch vor dem Allstar-Game. Auch der Madison Square Garden war Wahnsinn. Ich meine, die ganz großen Hallen habe ich schon hinter mir. Aber das letzte Heimspiel wird sicherlich toll. Und dann zum Saisonabschluss noch einmal nach San Antonio. Mit denen haben wir ja eine Rivalität gehabt. Die waren immer bisschen der große Bruder, von 2000 bis 2010 haben wir sie oft in den Playoffs gesehen. Das wird noch einmal Spaß machen.

Ein Highlight wird mit Sicherheit, wenn ich am Wilt vorbeiziehe. Was ja wahrscheinlich noch diese Saison passiert. Ich bin jetzt nur noch 18 oder 20 Punkte hinter ihm. Das wird auch ein tolles Erlebnis. Das hat sich ja das ganze Jahr schon abgezeichnet, hat aber jetzt natürlich viel länger gedauert, als wir das alle gehofft haben. Wilt war einer der dominantesten Spieler, die die Liga je gesehen hat. Der hat mal eine Saison über 50 Punkte im Schnitt gemacht. Das ist unglaublich. Wenn ich den überhole, dann wird das ein Wahnsinnserlebnis. Das werde ich einfach genießen.

Letzte Frage: Letztes Jahr in San Francisco waren wir ja ein paar Tage dabei, und ich erinnere mich daran, dass Holger gerne in diesem speziellen Laden am Hafen Irish Coffee trinken wollte. Machst du auch so Kleinigkeiten? Hast du Lieblingsorte und alte Rituale?

Eigentlich nicht. Normalerweise gehen wir am Abend vor dem Spiel mit ein paar Jungs zum Dinner. Und da wiederholen sich schon ein paar Restaurants, aber ich freue mich da jetzt nicht besonders drauf. In Miami sind gerade die Miami Open, wenn wir da sind. Da würde ich mich freuen, wenn wir ein bisschen Tennis schauen können. Aber ansonsten ist da nicht irgendwas, wo ich mich riesig drauf freue.

Seid ihr schon am Flughafen?

Wir sind jetzt grad abgebogen vom Highway. Hier liegt sehr viel Schnee. Am Tag vor dem Spiel haben sie den Flughafen den ganzen Tag gesperrt. Wir sind gestern erst am Spieltag eingeflogen. Das war natürlich total komisch. Wir haben uns früh um acht am Flughafen getroffen und waren dann um zehn hier im Hotel in Denver. Haben dann um elf ein Meeting gemacht. Hat sich fast so ein bisschen wie ein Back-to-Back angefühlt. Für mich war das natürlich gut. Ich war noch einen Tag zu Hause mit den Kids. Das hat Spaß gemacht. Das Wetter in Dallas war unglaublich, 25 Grad und Sonne. Es war abends um sechs noch richtig warm, und die Kids waren draußen und haben noch ewig lang gespielt. Hat Spaß gemacht. So, wir sind am Flughafen. Hau rein.

Ja, super. Herzlichen Dank und guten Flug. Wir sehen uns in ein paar Wochen!

Alles klar. Macht’s gut. Grüße!

Gespräch vom 15. März 2019

___ von Redaktion Fortyone.

Foto © Tobias Zielony